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Rudolf Markus Schneiderhan

Rudolf Markus Schneiderhan wird am 15. April 1928 geboren, am 19. März 1938 in die „Heil- und Pfleganstalt Liebenau“ gebracht, am 1. Juli 1940 aus Liebenau nach Bad Schussenried deportiert, am 22. Juli 1940 in der Gasmordanstalt Grafeneck umgebracht. Das kurze Leben von Rudolf Markus Schneiderhan.

Diese Daten waren in der Stiftung Liebenau bekannt, sonst nichts. Mit dem Besuch von Karin Tomaszewski änderte sich das binnen weniger Stunden. Sie war im Spätherbst 2021 mit ihrem Mann aus Wernau zur Stiftung Liebenau angereist, um seinen Spuren nachzugehen. Rudolf war ihr Großonkel, ein Bruder ihrer Großmutter Wilhelmine, den sie nie kennenlernen konnte.

„Es lag etwas Geheimnisvolles in der Luft, wenn über Rudolf gesprochen wurde.“

In der Familie hieß es immer er sei „geistig behindert“ gewesen und im Dritten Reich gestorben. Den Erzählungen haftete allerdings immer etwas „Rätselhaftes“ an beschreibt Karin Tomaszewski. Sie habe aber nie nachgefragt. Erst vor einigen Jahren kommt die Lehrerin Tomaszewski, angeregt durch Rainer Gross‘ Roman „Grafeneck“, auf den Gedanken, nach ihrem Großonkel zu forschen. Sie hat zu dem Zeitpunkt bereits eine Ahnung und nimmt Kontakt zur Gedenkstätte Grafeneck auf, fährt hin und entdeckt den Namen ihres Großonkels unter den Opfern. Das war um das Jahr 2013 herum. Es brauchte mehrere Anläufe bis sich Tomaszewski intensiver mit dem Schicksal von Rudolf auseinandersetzen konnte. Teils aus Zeitgründen, teils weil sie mental und seelisch erst realisieren musste, warum immer etwas Geheimnisvolles in der Luft lag, wenn die Rede auf Rudolf kam.

Das einzige Foto von Rudolf

Seit August 2021 hat Karin Tomaszewski – inzwischen in Rente - wieder begonnen sich intensiver mit Rudolf zu beschäftigen. Sie studiert seine Krankenakte aus dem Bundesarchiv. Fotos gab es aus der Familie zwar einige, aber keins auf dem Rudolf zu sehen war. Schließlich taucht doch ein Foto auf: Es stammt aus dem Jahr 1933 und zeigt Rudolf mit seinen drei Schwestern.

Mit zehn Jahren wurde Rudolf Waise

Was an Tomaszewski nagt ist die Ungewissheit darüber, ob die Familie damals Bescheid gewusst hat über die Deportationen und Morde an Patienten. Vielleicht sei man erst einmal froh darüber gewesen, dass Rudolf betreut wurde, vermutet sie. Vielleicht sei man auch der Propaganda vom „Gnadentod“ aufgesessen. Seine Kindheit sei nicht einfach gewesen. Sechs Monate nach seiner Geburt starb seine Mutter. Als er zehn Jahre alt war starb der Vater. Ein Onkel nahm sich seiner an und suchte nach einer Betreuung für Rudolf.

Hätte man ihm heute helfen können?

Was mochte Rudolf für ein Kind gewesen sein? Welche Behinderung hatte er? Tomaszewski findet heraus, dass Rudolf mit zwei Jahren in der Werkstatt seines Vaters, der Wagner war, unter eine an die Wand gelehnte schwere Eichentür geriet, als er an ihr hoch klettern wollte. Nach diesem Unfall sei er verhaltensauffällig geworden und habe aufgehört zu reden. Das letzte Wort, das er sprach, sei „Brot“ gewesen, erfuhr Tomaszewski von einer Tante. Sie vermutet, dass Rudolf durch den Unfall eine Hirnschädigung erlitten hat. In der Krankenakte liest sie, dass Rudolf mit Steinen nach anderen Menschen warf. Ein Verhalten, das ihn für Andere offenbar unzumutbar machte. „Wollte er damit vielleicht nur auf sich aufmerksam machen?“ fragt sich Tomaszewski. Hätte man ihm helfen können?

„Ich fühle mich dafür verantwortlich ihm seine Würde zurückzugeben“

Rudolf war unter den ersten Menschen, die am 1. Juli 1940 aus Liebenau deportiert worden waren. Alle viel älter als er. Nur drei weitere Jungen – Paul Erwin Haag, Paul Sonntag und Manfred Julius Schoch - saßen mit ihm im Bus und waren - wie er selbst - zunächst nach Bad Schussenried gebracht worden. Hatten sie Kontakt? Karin Tomaszewski hat längst aufgehört nur eine Chronistin zu sein. „Ich habe eine Verbindung zu ihm aufgebaut, es ist Zuneigung entstanden. Er lebte bis vor seiner Unterbringung in Liebenau im selben Haus, in dem auch ich aufgewachsen war.“ Wo hatte er gespielt? War er auch oft beim Weiher? Was war sein Lieblingsort? Zog er sich wie sie selbst beim Nussbaum zurück? Karin Tomaszewski stellt sich viele Fragen. „Ich fühle mich verantwortlich dafür, ihm seine Würde zurückzugeben“, benennt Tomaszewski ihre Motivation für die Aufarbeitung seiner Geschichte, die Teil ihrer eigenen Geschichte ist.

Rudolf Markus Schneiderhan
Das einzige Foto, auf dem Rudolf abgebildet ist, zeigt ihn mit seinen Schwestern: (von links) Wilhelmine, 19 Jahre alt (die Großmutter von Karin Tomaszewski), vor ihr ihre Schwester Antonie (12 Jahre alt), rechts die Schwester Maria (15 Jahre alt) und vorne Rudolf (5 Jahre alt).
Bus Deportation
Über 500 Bewohnerinnen und Bewohner wurden in den Jahren 1940 und 1941 aus Liebenau deportiert. Insgesamt 10 Mal in dieser Zeit fuhr ein Transportbus auf das Liebenauer Gelände um Menschen zur Vergasung abzuholen.
Karin Tomaszewski mit ihrem Mann am Gedenkstein
Karin Tomaszewski mit ihrem Mann am Gedenkstein der ermordeten Liebenauer Bewohner.